Das Märchen vom armen Greis und vom stolzen Buchhalter

Es lebte einst im Dörfchen Jagwinskaja, des Iljin-Gebietes, der arme Mann Jegor Makruschin. Und solch ein verzwicktes Leben hatte dieser Greis, dass wie er sich auch schlug, wie er sich auch wand, ihm vom Schicksal doch kein Glück beschieden war, – obwohl er von morgens bis nachts in der Erde wühlte, und die Alte die Hausarbeit machte, und sogar der schwanzlose Köter die Gurken im Garten vor räuberischen Jungs bewachte, die zwar eigene Gurken im Überfluss hatten – doch nein, es müssen die Gurken des Alten sein.
Und eines Tages plagte den Greis bittere Armut, die Alte sammelte ihm ein Bündel und so ging der Alte Glück-Arbeit suchen. Zurück kam er nach einigen Monaten, brachte weder Geld noch ein Geschenk mit, aber dafür brachte er der Alten ein gutes Wort.
– Ich war, – sagte er, – in der feinen Stadt Tschermos, hab bei dem reichen Herren Kammetall gearbeitet, hab soviel Geld verdient, dass es für eine ganze Kuh zwar nicht reicht, aber für ein Kälbchen durchaus, und auch noch ein Ferkel dazu. Nur wegen dem Geld hat man mir geheißen später zu kommen, nachdem die BILANZ GEZOGEN WIRD.
Ging der Greis zum Dorfsowjet und fragt, was das für ein Ding sei, die „Bilanz“, und ob man sie lange ziehen muss? Der Vorsitzende kratzte sich am Kopf und sprach:
– Genau kann ich es nicht sagen, aber, aller Wahrscheinlichkeit nach lange, denn es ist ein schlaues Ding, und es wird in der Kanzlei von gelehrten Leuten gezogen.
So wartete und wartete der Greis; die Alte buk ihm Plinsen, packte drei Zwiebeln in den Sack, und der Alte machte sich auf den Weg, über sechzig Meilen, in die Stadt Tschermos, zum Herren Kammetall seinen Lohn zu erhalten.
Sitzt im Kammetall ein Mensch von stolzem Äußeren, und um ihn herum ist soviel Papier, dass ein ganzes Dorf es in einem Jahr nicht aufrauchen könnte. Er blickt auf den Greis und sagt:
– Geh, guter Mann, zurück. Kommst so in drei Wochen wieder. Denn jetzt hat man uns DIE KREDITE NICHT BEWILLIGT.
Der Alte wurde traurig, schnürte seine Schuhe fester und schleppte sich zurück. Kam nach Hause und ging zum Dorfsowjet.
– Was, – sagte er, – was bedeutet „die Kredite sind nicht bewilligt“?
Der Vorsitzende kratzte sich am Ohr und antwortete:
– Na, genau kann ich es nicht sagen, aber, wahrscheinlich, wird es schon was bedeuten.
Drei Wochen wartete der Greis und schleppte sich wieder zu Fuß in die Stadt. Kommt ins Kammetall und sieht: sitzt dort derselbe Mensch im Rang eines Buchhalters, und umrum klappern die Rechenstäbe, und so geschickt führen sie die Leute, dass sie in einem Augenblick ein ganzes Dorf um die Nase führen können.
Und es spricht der stolze Buchhalter zum Alten in demselben Ton:
– Geh, Alter, zurück, und komm so in drei Wochen wieder, bei uns wird gerade die REORGANISATION DURCHGEFÜHRT.
Der Greis wurde trauriger als je zuvor, und schleppte sich zurück. Und die Alte schrie ihn an, und stampfte mit den Füßen.
– Wenn, – sagte sie, – du es beim nächsten Mal nicht bringst, jage ich dich aus der Hütte! Allein wieviele Plinsen ich für dich umsonst verbraten habe, und auch zehn Paar Bastschuhe hast du überflüssig abgetragen.
Ein viertes Mal geht der Alte und sieht: es sitzt derselbe Mensch, und um ihn herum ist so viel Volk, dass man sich nicht wenden kann, und ein jeder hat in seinen Händen Mappen mit Papieren. Der Buchhalter begann mit den Händen zu fuchteln.
– Geh fort von hier, – sagte er, – zurück. Komm so in drei Wochen wieder. Oder siehst du etwa nicht, dass bei uns die REVISION LÄUFT?
Mit trauriger Stimme heulte da der Greis auf:
– Habt Erbarmen, Herr Vorgesetzter! Die Alte lässt mich nicht ins Haus, ohne Geld. Den dritten Monat gehe ich schon. Der Alten Plinsen habe ich zahllos verbraucht, alle Bastschuhe hab ich abgetragen, fast fünfhundert Meilen habe ich für mein Geld durchlaufen.
Habt doch Mitleid mit meiner Lage.
Die Kontrolleure-Revisoren begannen nun mit den Händen zu fuchteln, wegen solch dreister Worte, Klingeln begannen zu klingeln, Kuriere begannen zu laufen. Und da erschrak der Greis vor solch einem Donner-Lärm, packte seine Tasche und verschwand eilig hinter der Tür.
Der stolze Buchhalter setzte sich darauf an seinen Platz, rührte mit dem Löffel im Teeglas, zog an einer Zigarette und lud alle Kontrolleure-Revisoren zum Rauchen ein. Und wieder begannen die Rechenstäbe zu klappern, und über den Papieren zog süßer Rauch dahin.

Arkadi Golikow (d.i. Arkadi Gaidar)
21. November 1926 „Swesda“, Perm

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Über Valentin Tschepego

Institut für Syndikalismusforschung
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