Die Rangtabelle (1)

Früher war es einfacher. Die genannte Tabelle zeigte dem Beamten klar seinen Platz in der verworrenen Amtsstube des Russischen Imperiums auf. Jede Grille kannte ihr Pflöckchen. Und von diesem historischen Pflöckchen zirpte sie „ergebenst“ sich an Personen wendend, die höher thronten, als sie selbst, oder sie brüllte donnernd auf jene hernieder, die durch den Willen des Schicksals eine niedere Stufe der hierarchischen Leiter einnahmen. Der nun zu einem bezeichnenden Namen gewordene sehenswürdige Titularrat, begann, wenn er die Notwendigkeit hatte sich an eine höhergestellte Person zu wenden, ungefähr so:
„Eure Hochwohlerlaucht! Ich habe die Ehre ergebenst zu bitten zu gestatten eure wohlwollende Aufmerksamkeit zu richten“ usw.
Wenn der Brief nicht an eine Erlaucht geschrieben wurde, sondern einfach an eine Wohlgeborenheit, dann konnte man mit Erfolg, ohne die Regeln der Beamtenhuldigung zu brechen, aus der erwähnten Anrede die Worte „ergebenst“ und „gestatten“ herauslassen, und man konnte auch die „Ehre“ streichen. Eine Wohlgeborenheit – ist keine große Nummer, sie kann auch ohne „Ehre“ auskommen. Wenn aber die Anrede an eine kleine, unbedeutende Person gerichtet war, so änderte sich entsprechend auch der Ton des Schreibens. Zum Beispiel:
„Dem Stadtpolizisten Gapkin.
Ihre Hochwohlgeborenheit befahlen zu warnen: wenn du auch weiterhin nach Wodka und Zwiebeln stinken wirst, und von deinen Stiefeln es nach Wagenschmiere miefen wird, dann wird er dich Schurken feuern, wobei er dir zuvor zwanzig Tage Arrest verpassen wird.“
Kurz und klar. Und in dieser verständlichen Sprache zirpten die titulierten Insekten von ihren eingesessenen Pflöckchen miteinander.
Die „Rangtabelle“ ist heutzutage abgeschafft, doch die Beamten selbst sind quicklebendig, und folglich – die Beamtentraditionen auch. Obwohl, der schlaue Beamte ließ sich nicht verwirren, und erstellte, sozusagen, eine ungeschriebene Tabelle.
Sagen wir – der Vorsitzende des Ausführenden Komitees des Gouvernements – das ist sowas wie ein Gouverneur. Ein Kriegskommissar – ein Heerführer. Der Vorsitzende des städtischen Sowjets – das Haupt der städtischen Verwaltung. Der Stellvertreter des Gouvernements für soziales Versicherungswesen – ein Treuhänder gottesgnädiger Einrichtungen. Der Stellvertretende der Frauenabteilung… hmm… das ist schwieriger. Nun, sagen wir, eine Dame-Patronesse, Vorsitzende der Gesellschaft zur Nächstenliebe einsamer Frauen usw.
Und sich an die genannte Klassifizierung haltend, befolgen die sowjetischen Beamten heilig die hierarchischen Gebräuche. Man überlege nur mal – wie viele Köpfe denken darüber nach, wie man ein Papierchen schreibt: „ich bitte“ oder „ich schlage vor“, „ich befehle“ oder „ich ordne an“, „zur Erfüllung“ oder „an die Leitung“. Und oft, die geeignetste Form des Anschreibens suchend, vergessen diese Beamten den ganzen Sinn und Zweck des Papieres, allein beachtend, dass die Formel streng der Würde der einander schreibenden Institutionen oder Personen entspricht.
Was passiert, wenn irgendjemand, der nicht mit den Feinheiten der Beamtenhuldigung vertraut ist, eine Nachlässigkeit begeht, zeigt mit ausreichender Klarheit die folgende Tatsache. Ein einfacher und nicht besonders gebildeter Arbeiter, der Vorsitzende des örtlichen Komitees der Transportarbeiter Nr. 9, erstellte ein schmuddeliges, aber sachliches Papierchen und sandte es an den Vorgesetzten des Abschnittes namens Scheleks. Er führte an, dass Post und Zeitungen, die an das örtliche Komitee adressiert waren, durch den Vorgesetzten sonstwem ausgehändigt werden, und aus diesem Grunde häufig verschwinden. Wobei der Vorsitzende des örtlichen Komitees dem Vorgesetzten „unvorsichtig“ vorschlug, die Korrespondenz nur solchen Personen auszuhändigen, die über entsprechende Vollmachten verfügen.
Zorn und Entsetzen ergriffen den erstaunten Vorgesetzten. Alle Regeln der Rangordnung sind gebrochen. Die Pfeiler der ungeschriebenen Rangtabelle sind niedergeschmettert. Es riecht offen nach dem Geist der Anarchie und der Herrschaftslosigkeit – ihm, dem titulierten Vorgesetzten des Abschnittes „schlägt man vor“! Hat denn der Vorstand des Ortskomitees das Recht vorzuschlagen, während, Kraft seiner unbekannten Herkunft er nur „ergebenst bitten“ darf?!
Und der eifrige Vorgesetzte, gibt, ohne sich auf eine sachliche Erörterung der Frage einzulassen, eine würdige Antwort, an die sich vergessenden örtlichen Komitee-Leute. Hier ist wörtlich seine Resolution, flüchtig mit der Giftzunge einer beleidigten Feder hingeworfen:
„Vorschlagen können sie:
1. nur ihrer Frau.
2. euren Untertanen, sofern sie solche haben…“
Hernach folgt ein Punkt und eine schwungvolle Unterschrift. Der Unterschrift folgt aber unser Unverständnis: warum blieb der Vorgesetzte so weich, dass er sich nur mit einer Strafpredigt beschied? Man hätte den Vorsitzenden des örtlichen Komittees wegen Beleidigung vor Gericht zerren müssen, man hätte den ungezogenen Leuten für immer die Lust vertreiben müssen die Gesetze der Kanzleitraditionen zu umgehen. Nötig wäre, dass die „tatsächlich geheimen“ und die „tatsächlich offensichtlichen“ Bürokraten aufgemuntert würden, und fühlen würden, dass sich ihre korporative Ehre nicht nur unter Obacht der ungeschriebenen Gesetze, sondern auch der geschriebenen befindet. Letzenendes kann man entsprechende Ergänzungen im Strafgesetzbuch vornehmen. Damit jeder zum „bitten“ Geborene kein Recht hätte „vorzuschlagen“. Damit ein Parteiloser beispielsweise, es nicht wagen dürfte, am Ende des Briefes schlau „mit kommunistischem Gruß“ zu unterschreiben.
Man muss die Begrüßungen in Kategorien aufteilen: 1-) gewöhnliche, 2.) zivile, 3.) genossenschaftliche, 4.) kommunistische. Die Fragen muss man unterteilen in: 1.) gewöhnliche, 2.) respektvolle, 3.) ergebenste.
Und man muss streng reglementieren, wer das Recht hat welche Anrede zu verwenden. Dann wird es auch keine Missverständnisse und Kopfzerbrechen geben.
Wenn es unbequem werden sollte, dies in gesetzgeberischer Form unter dem Schein der „sowjetischen Beamtenhuldigung“ umzusetzen, dann kann man versuchen es unter dem Markenzeichen der Rationalisierung und Standardisierung der Kanzleibeziehungen durchzuschleppen.

Arkadi Golikow (d.i. Arkadi Gaidar)
„Wolna“ („Prawda sewera“) Archangelsk, 1929, 3. Januar

(1) http://de.wikipedia.org/wiki/Rangtabelle

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Über Valentin Tschepego

Institut für Syndikalismusforschung
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