Gedanken zum Bürokratismus

Der klassische Typus des Bürokraten aus dem alten Regime begegnet einem heutzutage als Seltenheit, welche sich höchstens auf irgendeinem geringen Posten erhalten konnte, als Leiter der Kanzlei eines Gouvernementsarchives, oder eines statistischen Büros, oder einer Sonderkomission bei der Landesverwaltung des Gouvernements.
In jenen Einrichtungen aber, die von der Art ihrer Bestimmung her eine enge Berührung mit den Massen haben, oder ihre Arbeit eng mit einem Dutzend anderer Einrichtungen verbinden, hat sich der Situation entsprechend ein neuer Typus des sowjetischen Bürokraten entwickelt.
Es gibt aktive und passive Bürokraten.
Der passive ist weniger schädlich. Er hört sich schweigsam und freundlich eine Bitte an, macht den Vorschlag nach einer der fünfzehn vorgeschriebenen Formen eine Eingabe einzureichen, diese über den Eingangsbereich einzureichen und eine Woche später wegen einer Antwort wiederzukommen, wonach er über den Ausgangsbereich diese zurückgeben wird, mit einer sorgfältig auferlegten Resolution darüber, dass diese an die falsche Adresse gerichtet war, und man sich entsprechend dort oder dorthin zu wenden hätte.
Er hält die einmal eingerichtete Form heilig, fürchtet sich vor jeglichem Bruch, liebt es nicht per Telefon zu reden, und Gott bewahre, sich mit jemandem persönlich auseinanderzusetzen, spricht mal leise, aufrichtig, mit einem Hauch des Bedauerns über „die Unmöglichkeit der Erfüllung“, unter Berufung auf entsprechende Paragraphen, Punkte, Abschnitte und so weiter. Das ist der am meisten verbreitete Typus, welcher uns vom alten als Erbschaft geblieben ist.
Ein aktiver Bürokrat ist anders. Er hält es umgekehrt – er hat eine Schwäche für Telefone, für elektrische Klingeln bei persönlichen oder Kuriergesprächen.
Er verhält sich mitfühlend zur NOT (Abkürzung für „Wissenschaftliche Organisation der Arbeit“ Anm.vt), trägt häufig ein Abzeichen der „Liga der Zeit“, liebt Formulare mit ausgeklügelten Fragen, verteidigt sich nie, sondern greift immer an.
Er ist der erste Feind jeglicher Unordnung, und ihm kam die glänzende Idee dem Pförtner den Befehl zu erteilen, dass Mitarbeitern ihre Mäntel nicht eher ausgehändigt werden, als sie vom Leiter der Kanzlei eine Bescheinigung über die Beendigung der Arbeit vorgelegt haben würden. Er verzögert Antworten nicht um eine Woche, sondern erlegt fast ohne Hinzuschauen eine Resolution auf jedes ihm zugesteckte Papier. Und seine Resolution – ist ein Stein, denn einmal erlassen, duldet sie keine Widersprüche, selbst solche nicht, die einen gesunden Sinn haben.
Sowohl aktive als auch passive Bürokraten sind häufig Behördenhengste. Das ist die schädlichste, die giftigste Gattung. Von saparistischem Geist durchdrungen, sich in die Tiefen der Arbeitszimmer verkriechend, bilden sie sich ein, dass der ganze Sinn der Revolution gerade darin besteht, den von ihnen geleiteteten Einrichtungen das Leben zu ermöglichen.
Ihre Lieblingsphrase ist: „das betrifft uns nicht“, „was geht uns das an“ oder „wendet euch an die entsprechende Stelle“. Sie schrecken vor jedem Papier zurück, welches nicht durch ihre direkten Vorgesetzten unterschrieben ist, häufig gleichen sie Hunden im Heu und sind zu keinerlei Opfern im Namen des gesundes Sinnes fähig, wenn ein solches nicht durch das von oben gesandte Zirkular vorgesehen ist.
Es gibt in Perm viele verschiedene Einrichtungen, Büros, Vertretungen und Trusts. Und wenn sich mir die Gelegenheit bietet, eines derselben aufzusuchen, gehe ich an papierüberfüllten Räumen vorüber, schaue mir die Gesichter an, und ich bin bereit meinen Kopf dafür hinzuhalten, dass jeder über den Tisch gebeugte Leiter oder Vorsitzende, es als persönliche Beleidigung aufnehmen würde, wenn ihn jemand fragen würde: ob ihm denn nicht, wenn schon nicht alle, so doch einige der erwähnten bürokratischen Eigenschaften eigen sind?
Eine gedruckte Zeile schlägt nicht mit einem Pfahl auf den Kopf. Aber macht nichts. Wir werden uns mehr und mehr hochschaukeln, werden gemeinsam mit einem Rammbock in die steinerne Wand des Bürokratismus schlagen, werden den Bürokratismus insgesamt verhöhnen, und die Bürokraten im Besonderen, werden als Windhunde in den Abgründen des bürokratischen Dickichts stöbern, in den Winkeln der Trustkanzleien, und die sich in den Blätterwald des Papieres vergrabenenden Bürokraten ausräuchern.
Und die Ergebnisse… wird der Leser in den weiteren Nummern der „Swesda“ sehen.

Arkadi Golikow (d.i. Arkadi Gaidar)
„Swesda“, Perm, 25 Juli 1926

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Über Valentin Tschepego

Institut für Syndikalismusforschung
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