Einmal Berlin-Sigulda bitte. Eine Erinnerung an Nikolai Kropotkin (04. Juni 1924 – 29. April 2014)

„Man kümmert sich um seine Vorfahren zu wenig. Wenn man klein ist, hat man kein Interesse dafür, und wenn man größer wird, ist niemand mehr da, der es einem erzählt.“
Nikolai Kropotkin

Das Familiengrab der Kropotkins in Sigulda


An den steilen Ufern der Gauja, mit einem weiten Blick auf die Festung Turaida, findet sich eine alte Familiengrabstätte. Hier ruhen die Nachkommen von Demetrius Kropotkin, welcher im 19. Jahrhundert durch Heirat in den Besitz des livländischen Gutes Sigulda (Segewold) kam.
Der in Sigulda beheimatete Zweig der Kropotkin-Familie trug wesentlich zum wirtschaftlichen Aufblühen der „livländischen Schweiz“ bei. Nach der Revolution von 1917 erfolgte dann die Emigration, mit Endstation Berlin.
Demetrius Kropotkin fiel in seiner Eigenschaft als Gouverneur von Charkow im Februar 1879 dem Attentat eines nihilistischen Studenten zum Opfer. Sein Cousin Peter Kropotkin wurde zu gleicher Zeit zum bedeutendsten Theoretiker des anarchistischen Kommunismus. In der Familie galt Peter Kropotkin daher als schwarzes Schaf, über ihn wurde nicht gesprochen. Zumal man in der Familie fälschlicherweise bei ihm die Schuld für das Attentat suchte.

Nikolai Dmitriewitsch Kropotkin

Am heutigen Tag wäre Nikolai Dmitriewitsch – der letzte Kropotkin – 90 Jahre alt geworden. Einen knappen Monat zuvor ist mit ihm in der 109. Generation dieser Zweig der Kropotkins erloschen. Am 10. Mai erfolgte seine Beisetzung auf der Familiengrabstätte in Sigulda. An seinem Geburtstag wurden seinem Wunsch entsprechend, die von dem russisch-orthodoxen Friedhof in Berlin Tegel nach Sigulda überführten Gebeine seiner Eltern und Großeltern neben ihm bestattet.

Nikolai Dmitriewitsch bleibt in Erinnerung als eine humorvolle und in vieler Hinsicht über den Dingen stehende Persönlichkeit – was so manchem Kleingeist Kopfschmerzen bereitete.
In seiner Jugend war er oft in Neustrelitz, wo eine seiner Tanten lebte – Marie Gräfin Stenbock-Fermor, geborene Kropotkin. Nach der Wende kam es erneut zu Kontakten nach Mecklenburg, über die ich Nikolai Dmitriewitsch dann auch persönlich kennen lernte. Die seltenen Begegnungen bleiben einzigartig in Erinnerung. Seine bislang unveröffentlichten Erinnerungen, sowie ein veröffentlichtes 
Interview zu der Sicht auf Peter Kropotkin in der Familie lassen einen Teil von ihm die Zeit überdauern. Wie so oft ist es nur ein Ausschnitt, der nicht den gesamten Reichtum einer Persönlichkeit zu fassen vermag.

Nikolai Dmitriewitsch hatte wenig Sympathien für den Anarchismus. Doch darauf kommt es im Endeffekt nicht an. Eine Persönlichkeit hat uns verlassen – eine, wie sie selten ist.

Valentin Tschepego, 4. Juni 2014

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Über Valentin Tschepego

Institut für Syndikalismusforschung
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